Alles genetisch - oder wieso gibt es in Europa keine Lepra mehr?

Eine neue Studie – erstellt unter Leitung des Instituts für Klinische Molekularbiologie (IKMB) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) – hat den Einfluss der mittelalterlichen Lepra-Epidemien auf den Gen-Pool des heutigen europäischen Menschen untersucht. plan:g, 1958 als Leprahilfswerk gegründet, würdigt die Forschungsergebnisse und ordnet sie in die aktuellen Anstrengungen zur Überwindung vernachlässigter Armutskrankheiten ein. 

Lepra ist ein Bakterium, dass sich im Verlauf der Jahrtausende nur sehr wenig verändert hat. plan:g Geschäftsführer Matthias Wittrock begrüßt die Forschungsergebnisse, die beim Verständnis von Entzündungskrankheiten insgesamt hilfreich sein können: „Das ist ein positives Beispiel für die Bedeutung von Grundlagenforschung. Es betrifft nicht nur die historische Epidemiologie, sondern vernachlässigte tropische Krankheiten insgesamt“. Grundlagenforschung zahle sich aus. Gleichzeitig äußert Matthias Wittrock Bedenken: „Die Forschung konzentriert sich sehr stark auf genetische Faktoren. Besonders deutlich wird das bei der Krebsforschung. Wichtig ist, darüber die sozial-ökologischen Bedingungen von Krankheit und Gesundheitsgerechtigkeit nicht aus dem Blick zu verlieren.“ 

Heute ist Lepra eine Krankheit, die mit Antibiotika-Kombinationstherapie prinzipiell gut behandelbar ist. Die Krankheit ist „unter Kontrolle“. Diese Definition der Weltgesundheitsorganisation bedeutet: Lepra betrifft Einzelpersonen, ist aber keine Gefahr für Gesamtgesellschaften mehr. Auch wenn global 200.000 Neuerkrankungen pro Jahr viel zu viel sind: Wenn wir unsere Gesundheitssysteme gerechter gestalten, kann Lepra überwunden werden.

Die WHO spricht von globaler oder regionaler „Kontrolle“ einer Infektionskrankheit, wenn die Zahl der Neufälle in einer definierten Region auf eine so geringe Anzahl gesenkt wurde, dass die öffentliche Gesundheit von der Krankheit nicht betroffen ist.

Die WHO spricht von „Elimination“ einer Infektionskrankheit, wenn die Zahl der Neufälle in einer bestimmten geographischen Region bei Null liegt. Bei der Lepra ist das in Europa gelungen, wobei auch in Europa Menschen an Lepra erkranken. Dabei handelt es sich aber um Menschen, die sich im Ausland angesteckt haben. Ein anderes Beispiel dafür ist die Malaria in Österreich.

Die WHO spricht dann von der „Eradikation“ einer Infektionskrankheit, wenn die Zahl der globalen Neufälle permanent bei Null liegt. Nur bei den Pocken ist die Eradikation fast gelungen. Das war möglich, weil es sich bei den Pocken um keine Zoonose handelt. Pocken werden nicht zwischen Menschen und Tieren, sondern nur von Mensch zu Mensch übertragen. In Atlanta (USA) und in Nowosibirsk (Russische Föderation) gibt es noch Laborbestände des Pockenvirus, der auch eine mögliche Kriegswaffe ist. Allerdings kann im Zeitalter der Gentechnik das humane Pockenvirus z.B. aus Pferdepocken-Viren nachgebaut werden. Darum halten viele Industriestaaten Impfungen gegen die Pocken auf Lager. 
Die Eradikation einer Infektionskrankheit ist mit sehr hohen Kosten verbunden. Das bedeutet: Gelder fehlen, die zur Vermeidung anderer Krankheiten dringend gebraucht werden.

In weiten Teilen Europas verschwand die Lepra jedoch schon Jahrhunderte vor Einführung der Antibiotikatherapie. Nur in Skandinavien hielt sich die Krankheit länger; in den meisten Teilen Europas trat sie ab dem 16. Jahrhundert so gut wie gar nicht mehr auf. 

Welche Ursachen lagen dieser Entwicklung zugrunde? Eine Vermutung ist, dass andere Krankheiten die Lepra verdrängt haben könnten. Diese Hypothese gilt auch für aktuelle epidemologische Veränderungen z.B. im heutigen Afrika – HIV/Aids tötet schneller als das Mycobacterium leprae. Eine weitere Vermutung ist, dass sich die Lebensgewohnheiten verändert haben. Zudem ist denkbar, dass die Krankheitslast früherer Seuchen das Erbgut der betroffenen Bevölkerungsgruppen verändert hat. Ein Indiz dafür ist, dass mit dem Rückzug der Lepra die Schuppenflechte vermehrt auftrat und sich die beiden Erkrankungen offenbar ausschließen. 

Diese Theorie wird durch die neuen Untersuchungen am Institut für Klinische Molekularbiologie (IKMB) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) gestützt („Ancient DNA study reveals HLA susceptibility locus for leprosy in medieval Europeans“, Permanenter Link: doi:10.1038/s41467-018-03857-x). 

Ein dänisch-deutsches Forschungsteam untersuchte die Gebeine von 85 Menschen, die im 12. und 13. Jahrhundert an lepröser Lepra litten. Dazu wurden auf einem Friedhof für leprabetroffene Menschen im dänischen Odense gefundene Knochen analysiert. Es handelt sich um die weltweit erste auf alter DNA (aDNA) basierende Fall-Kontroll-Studie: Die Proben der von Lepra betroffenen Skelette verglich die Forschungsgruppe mit Proben von anderen Verstorbenen, die keinerlei Spuren von Lepra aufwiesen. Der Vergleich mit diesen nicht von Lepra betroffenen Zeitgenossen bestätigt die Hypothese, dass eine bestimmte Variante eines Immun-Gens die Menschen anfälliger für die Lepra machte. Das ist auch aus Untersuchungen heutiger Infektionen bekannt. 

Die Gen-Variante lässt das Immunsystem anders auf eine Infektion reagieren. Das Lepra-Bakterium wird „verpasst“ und die Infektion breitet sich aus. Die Untersuchung zeigt, dass von Lepra betroffene Menschen des Mittelalters deutlich häufiger mit der Genvariante lebten als heutige Europäer. 

Es erscheint der Forschungsgruppe wahrscheinlich, dass die soziale Isolation von Menschen mit Lepra dazu führte, dass die ausgegrenzten Personen keine Nachkommen zeugten und ihren genetischen Risikofaktor nicht weitergaben: Damit hätte die Lepra dafür gesorgt, dass sich der Genpool der europäischen Bevölkerung verändert hat. Das Lepra-Bakterium selbst verändert sich nur sehr langsam. Die heutigen Bakterienstämme sind mit den mittelalterlichen Stämmen so gut wie identisch. Die Forschungsgruppe war allerdings überrascht, dass die untersuchten Proben von unterschiedlichen Lepra-Stämmen betroffen waren. Das ist ein Indiz für die damalige weite Verbreitung der Lepra: Die Menschen im Mittelalter konnten sich mit unterschiedlichen Varianten des Erregers anstecken. 

Der betroffene Gentyp (HLA-DRB1*) spielt nicht nur bei Lepra-Infektionen, sondern auch bei der Entwicklung von Diabetes Typ 1 eine Rolle. Eine gesicherte genetische Diagnosemöglichkeit ist bei lebenden Menschen derzeit nicht möglich, da sich die Ausprägung diabetesassoziierter Gene im Lebensverlauf verändern kann. Aber auch die Anfälligkeit gegenüber Entzündungen wie Sarkoidose kann mit der genetischen Konstitution in Verbindung stehen. Unterstützt wurde das Forschungsprojekt unter anderem vom Exzellenzcluster Entzündungsforschung („Inflammation at Interfaces“). 

Das Team will weitere Erkrankungen des Mittelalters erforschen, um die Einflüsse des komplexen Zusammenwirkens von Krankheitserregern und Mensch auf Veränderungen des menschlichen Genoms besser zu verstehen. 

Dazu plan:g Geschäftsführer Matthias Wittrock: „Die Studie und ihr innovativer Ansatz ist nicht nur historisch spannend. Es wird deutlich, was für eine wichtige Rolle die Universitäten und die öffentliche Hand bei der Förderung von Grundlagenforschung spielen: Ohne Grundlagenforschung kann die pharmazeutische Industrie keine Medikamente gegen Armutskrankheiten entwickeln.“ 

www.uni-kiel.de/pressemeldungen/lepra



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