"Verschaff mir Recht“

Ausstellungsreview

Kolloquium im Bildungshaus Batschuns.

Bregenz, Batschuns, 02.10.2019. Seit Jänner reist die Ausstellung „Verschaff mir Recht“ durch österreichische Gemeinden. Die Ausstellung thematisiert die Verfolgung Nichtheterosexueller und die Vision der Kirche als Anwältin der Rechte aller Menschen. Am 1. Oktober wurde im Bildungshaus Batschuns eine Zwischenbilanz gezogen. Und Bibel gelesen.

Im Rahmen eines Kolloquiums referierten Em. o. Univ.-Prof. Dr. Martin Hasitschka SJ (Institut für Bibelwissenschaften und Historische Theologie, Universität Innsbruck) und Matthias Wittrock (plan:g-Geschäftsführung) über „Sexualität und Homosexualität aus biblischer Sicht“ und über die „Verfolgung sexueller Minderheiten in Partnerländern der Entwicklungszusammenarbeit“.

Vorab bestand Gelegenheit zum Online-Talk mit Fréderik Martel, Autor der im September auf Deutsch erschienenen Studie „Sodom“ zur Homosexualität im Klerus. Martel informierte über seine Recherchemethoden und –ergebnisse, die er gegen Kritik verteidigte. Die teilnehmende Beobachtung begann in der Studiendurchführung u.a. durch die Lektüre von Rimbaud-Gedichten. Diese führte zu notwendigen Nachfragen zur konsensual gelebten Sexualität zwischen Erwachsenen. Dazu Martel: „Wer Homosexualität mit Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch gleichsetzt, fördert Gewalt.“ Das schaffe die Voraussetzung für ein Klima der weitverbreiteten Lüge, an dem Kirche leide.

In seiner Einführung machte Mag. Christian Kopf auf zwei tagesaktuelle Ereignisse aufmerksam: Erstens hatte der Krakauer Erzbischof Marek Jedraszewski, stellvertretender Vorsitzender der Polnischen Bischofskonferenz, eine angebliche „LGBT-Ideologie“ als „Ablehnung Gottes“ bezeichnet und mit Faschismus und Stalinismus verglichen. Gleichzeitig gab Papst Franziskus dem US-amerikanischen Ordensgeistlichen James Martin (SJ) eine Privataudienz (gegenüber dem katholischen Onlinemagazin "Crux" wertete Martin dies als päpstliche Unterstützung für die Belange nichtheterosexueller Menschen).

Prof. Hasitschka analysierte vier Bibelstellen. Nur in Mt 19,3-12 äußert sich Jesus direkt zur männlichen und weiblichen Sexualität; dies unter Bezug auf Gen 1,27-28 und in Antwort auf eine pharisäische Versuchung. In Röm 1,26-27 geht es um die Darstellung eines Lasterkatalogs, der eine universale Unheilssituation der Welt aufzeigt. Auch unter Bezug auf die Arbeiten von Prof. Dr. Michael Wolter erarbeitete Prof. Hasitschka die Unterscheidung zwischen 'natürlichem' und 'widernatürlichem' Handeln als einer kulturelle Konstruktion. In 1 Kor 6.9 - 11 bzw. 1,8-11 fällt zweimal der Begriff arsenokoitēs (der weder mit Knabenschändung noch mit veranlagter Homosexualität gleichzusetzen ist); im Hintergrund stehen zwei Stellen aus dem Buch Levitikus (Lev 18,22 und 20,13: „ein Gräuel ist es“). Der Kontext dieser Stellen ist nicht die Homosexualität, sondern die (kultische, sexuelle) Reinheit; so wird auch der Verkehr mit einer menstruierenden Frau abgelehnt. Auch das medium genoßene Schweinesteak ist biblisch „ein Gräuel“.

Stand der heutigen Bibelwissenschaft: Die Bibel spricht über viele Themen, auch über Reinheit. Sie sagt aber nichts über Homosexualität aus, so wie wir sie heute verstehen. Insgesamt stehen Verhaltensregelungen im Bereich der menschlichen Sexualität nur sehr am Rand der Bibel. Sexualität wird in der Bibel nicht auf einzelne Formen oder Akte beschränkt, sondern als Beziehungsgeschehen ernstgenommen. Weil Beziehung sozial bedingt ist und sich wandelt, kann Kirche nicht auf Exegese verzichten; das Gegenteil der Exegese ist eine scheinbar buchstabentreue, in Wahrheit jedoch fundamentalistische Lektüre.

Matthias Wittrock berichtete über die Konsequenzen eines fundamentalistischen Bibelverständnisses, das auch aus Österreich gefördert wird. Gerade in politisch nicht gefestigten, undemokratischen Partnerländern der Entwicklungszusammenarbeit kommt es zur Marginalisierung nichtheterosexueller Menschen. Über die Ausgrenzung von Minderheiten versuchen politische Eliten mit Erfolg, ihre Legitimität zu sichern (dies ein auch in Österreich zu beobachtender Prozess).

Paradoxerweise werde gerade unter Bezug auf Gen 19 eine Verfolgung nichtheterosexueller Menschen –  in einigen Partnerländern bis hin zum straffreien Mord – legitimiert. Paradox, weil es in der Geschichte von Sodom nicht um Homosexualität geht. In Sodom demütigen Männer andere Männer durch Sexualverkehr. Vergewaltigung als Waffe  ist aus Kriegen und auch in Österreich bekannt: Die Geschehnisse von Sodom beschreiben einen Exzess fremdenfeindlicher Gewalt. Die Bibel legt den Zusammenhang von Sexualität und Macht offen – in völliger Pervertierung dieser Bibelstelle werden gesellschaftlich Fremde (eben: LGBTIQ*) unter Bezug auf Gen 19 verfolgt.

„Evangelisierung“ bedeutet nach Matthias Wittrock darum, in ein innerkirchliches und weltkirchliches Gespräch über in der Kirche tabuisierte Formen menschlicher Sexualität und über Geschlechterverhältnisse zu kommen, um Sexualität in ihren vielen Formen als von Gott gewollt anzunehmen. Wo Kirche diesen Dialog nicht leistet, sieht Matthias Wittrock die Kirche auch bei der Verfolgung von sexuellen Minderheiten in strukturell Bösem gefangen, das es zu überwinden gelte.

Pressefotos

Nachfragen an Fréderik Martel
Vortrag Prof. Dr. Martin Hasitschka 
Informationen von Matthias Wittrock