„Seht da, Eure Mutter.“ Ruth Pfau verstorben

Karatschi und Bregenz, 10. August 2017. Dr. Ruth Pfau ist heute im Alter von 87 Jahren in ihrer pakistanischen Wahlheimat verstorben. Nach einem Schwächeanfall war sie vergangenen Freitag in die Aga-Khan-Klinik Karachi eingeliefert worden. Sie starb unweit des von ihr aufgebauten Lepraspitals. Das Aussätzigen-Hilfswerk Österreich würdigt Dr. Ruth Pfaus Leistungen als Lepraärztin, Ordensfrau und als Pionierin eines menschenrechtlich orientierten Entwicklungsansatzes. 

Dr. Ruth Pfau hat sich auf Menschen eingelassen. Am 9.September 1929 in Leipzig geboren, reifte unter dem Erleben des Todes ihres kleinen Bruders nach dem zweiten Weltkrieg der Wunsch in ihr, Ärztin zu werden. Sie studierte Medizin in Mainz. Mitten in den von Konsum und Materialismus bestimmten Wirtschaftswunderjahren entdeckte sie den christlichen Glauben als bestimmende Kraft ihres Lebens. 

1957 trat sie in die Gesellschaft der „Töchter vom Herzen Mariä“ ein. Die Kongregation ist von der ignatianischen Spiritualität geprägt, wurde nach der französischen Revolution in Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche gegründet und orientiert sich unter anderem an dem Wort Jesu zu einem seiner besten Freunde: »Sieh da, deine Mutter« (Joh 19, 27). Das Schriftwort begründet die Verbundenheit der Kongregation zu einer Trösterin, die das Leiden ihres Sohnes mitgelitten und dadurch zur Trösterin und zum Beistand aller Leidenden geworden ist. 

Ruth Pfau wurde von ihrem Orden 1960 als Frauenärztin nach Indien geschickt. Wegen eines Visaproblems kam sie dort nie an. Auf ihrem als Zwischenstopp geplanten Aufenthalt in Karatschi kam sie mit Leprakranken in Berührung. Sie blieb im pakistanischen Karatschi, wo sie in dem von ihr mit aufgebauten Marie-Adelaide-Leprosy-Center (MALC) am 10. August 2017 verstarb. 

Ohne den in der Spiritualität ihrer Gemeinschaft angelegten Versuch, auf neue Art hilfreich zu werden, ist Dr. Pfaus Arbeit nicht zu verstehen. Dabei wurde das Verhältnis zu ihrer Ordensgemeinschaft durch die geographische Ferne und durch ihre eigene Mutterrolle im MALC beeinflusst. Die ewigen Gelübde legte Ruth Pfau am 30. Mai 2017 ab, als sie die Arbeit im MALC ganz aufgegeben und sich ganz ihrer sie tragenden Gemeinschaft zuwenden konnte. 

Dr. Ruth Pfau und ihre Team organisierten nicht nur die Behandlung der leprabetroffenen Menschen. Das MALC-Team machte sich auf den Weg zu den Menschen. In den Provinzen, bis hinein in die entlegensten Bergdörfer und Wüstensiedlungen hinein, wurden Außenstationen aufgebaut und vor allem Aufklärungsarbeit geleistet. Daraus entstand das pakistanische Leprosy Control Programme (LEPCO), das heute etwa durch MISEREOR gefördert wird. LEPCO leistet medizinische Grundversorgung für jährlich mehr als 20.000 leprabetroffene Menschen. Das MALC-Engagement wurde bis in die 80er Jahren auf Afghanistan ausgedehnt. 

Seit 1996 ist die Lepra in Pakistan epidemiologisch unter Kontrolle. Dr. Pfau sah diesen Erfolg wegen der extrem langen Prävalenzrate der Lepra selbstkritisch: Weil Lepra auch noch Jahrzehnte nach der Ansteckung ausbrechen kann, sind geringe Fallzahlen keine völlige Entwarnung. 

Deshalb machte Ruth Pfau bis ins hohe Alter weiter auf die Schrecken von Armutskrankheiten aufmerksam. Das tat sie mit einem instinktsicheren Gespür für Symbolik und die Erwartungen der Öffentlichkeit. 1980 wurde Ruth Pfau zur nationalen Beraterin im Rang einer Staatssekretärin für das Lepra- und Tuberkulose-Kontrollprogramm der pakistanischen Regierung ernannt. 1985 erhielt sie das große Bundesverdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland, 1988 wurde sie Ehrenbürgerin Pakistans. Ruth Pfau erhielt die Albert Schweitzer Medaille in Gold, die große Stauffer Medaille in Gold, die Ehrendoktorwürden der Aga Khan Universität und die der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg, den Marion-Dönhoff-Preis und 2012 den jährlich in Deutschland verliehenen Medien- und Fernsehpreis Bambi in der Kategorie Stille Helden. 

In der Laudatio zur Überreichung des anlässlich der Verleihung des Klaus- Hemmerle-Preis an Dr. Pfau 2014 würdigte der Autor und Fernsehjournalist Hon.-Prof Michael Albus das zupackende Engagement Dr. Pfaus und ihren Mut, sofort zu helfen. 

In der Tat hatte Dr. Pfau in zahllosen Büchern die Notwendigkeit und die Möglichkeit der direkten Hilfe erlebbar werden lassen. Hinter diesen Geschichten – und das ist wohl ihre hauptsächliche Lebensleistung und ihr eigentlicher Beitrag zur Überwindung der Lepra – arbeitete Dr. Pfau am Aufbau von neuen Diagnose- und Behandlungsnetzwerken mit. Es war ihr klar, dass die Lepraarbeit kein von außen finanzierter Fremdkörper bleiben durfte und die Aktivitäten zur Fallfindung so eng als irgend möglich mit der staatlichen Gesundheitsfürsorge koordiniert werden mussten. Das Aussätzigen-Hilfswerk Österreich, das die Arbeit Dr. Pfaus besonders während der Aufbaujahre sehr engagiert und in den letzten Jahren mit kleineren Beträgen der mildtätigen Einzelfallhilfe unterstütze, würdigt diesen Versuch als Dr. Pfaus zentrale Lebensleistung. 

Wir trauern um Frau Dr. Ruth Pfau. 

Gleichzeitig denken wir mit Sorge an unsere Freunde und Freundinnen beim MALC. Darum werden Spenden an das Spendenkonto des Aussätzigen-Hilfswerks Österreich bei der Hypo Landesbank Vorarlberg IBAN AT89 5800 0000 2222 2228 BIC/SWIFT HYPVAT2B mit Zahlungsreferenz: "001132" weiterhin direkt an das MALC als mildtätige Hilfe weitergeleitet. Das soll das MALC-Budget entlasten und das Spital dadurch in die Lage versetzen, mehr Investitionen in die nachhaltige Entwicklung vorzunehmen. Das Aussätzigen-Hilfswerk Österreich beschränkt sich seit 2014 auf die Unterstützung des MALC in dieser Form, weil das Aussätzigen-Hilfswerk Österreich seine Projekt- und Beratungsleistungen regional auf Ostafrika und angrenzende arabische Staaten beschränkt.



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