Wir sind verbunden.

Thich Nhat Hanh ist.

Es war. Es ist.

Malcolm Browne for the Associated Press, Public domain, via Wikimedia Commons.
Malcolm Browne for the Associated Press, Public domain, via Wikimedia Commons.

Zur Erinnerung und als notwendige Vorrede dieses Nachrufs: Das bekannte Foto zeigt den Mönch Thích Quảng Đức, der sich am 11.06.1963 in Saigon während der sg. Buddhistenkrise verbrannte. Mit seiner Tat wollte er helfen, das extreme Leid der Ärmsten und die Ungerechtigkeit in seinem Land, von der eine großgrundbesitzende und katholisch dominierte Herrschaftselite profitierte, zu überwinden. Viele buddhistische Mönche und Nonnen taten es ihm nach und wählten den Tod.

Mit dem engagierten Buddhismus entwickelte Thich Nhat Hanh eine alternative Form der Weltzugewandtheit.

Wikipedia Commons hat das Foto der Selbstverbrennung zu einer der wertvollsten Fotografien der Welt gewählt. Die Wikipedia ehrt damit das Erbe der pazifistischen Mönche. Die von Malcom Browne geschossene Aufnahme ist als gemeinfrei lizenziert.

Die damalige katholische Schattenpräsidentin Vietnams, Madame Nhu,  nannte die Protestform zynisch ein „Mönchs-BBQ“ und wollte dazu „Senf reichen“ lassen. Das Foto der Selbstverbrennung ist jüngeren Generationen vor allem deshalb bekannt, weil Rage Against the Machine die Erinnerung an den Mönch und das Bewusstsein für strukturelle Gewalt durch Abdruck auf dem Cover einer CD förderte.

In vielen Nachrufen zu Thich Nhat Hanh fehlt der Hinweis auf die katholisch legitimierte koloniale Tyrannei, die er in seinen Berufungsjahren durchlitt. Damit wird die Einsicht Thichs vergeben, dass alles auf der Welt miteinander verbunden ist. Die Lehren des Zen-Meister Thich Nhat Hanh und seine Meditationsmethoden haben die moderne christliche Meditationspraxis mitgeprägt. Dafür und für das Geschenk der Versöhnung sind wir Thich Nhat Hanh dankbar.

Achtsamkeit ist keine Esoterik.

Thich Nhat Hanh (vietnamesisch Thích Nhất Hạnh, sprich: Tik - Njatt - Han), buddhistischer Mönch, Zen-Lehrer und Friedensaktivist, ist am 22. Jänner 2022 im Alter von 95 Jahren gestorben.

plan:g würdigt seinen Einsatz für Gesundheit, Frieden und Gerechtigkeit in der Einen Welt.
Thich Nhat Hanh war neben dem Dalai Lama einer der im Westen bekanntesten Vertreter des Buddhismus. Thich Nhat Hanh setzte sich für praktische Nächstenliebe ein und förderte in den 60er Jahren einen „engagierten Buddhismus“, der sich nicht spirituell vergisst, sondern sich auf Spiritualität als Quelle eines konsequenten politischen und sozial-ökologischen Engagements bezieht: Achtsam ist es, Körper und Geist zusammenzubringen; Achtsamkeit ist die Fähigkeit, sich bewusst zu werden, was ist – und damit eins werden.

Mit einem esoterischen Rückzug aus der Welt hatte das nichts zu tun. Zu Beginn der 1960er Jahre organisierte Thich Nhat Hanh den Aufbau einer Basishilfsorganisation im damaligen Südvietnam. Die „Schule für Jugend und Sozialarbeit“ (School for Youth and Social Service – SYSS) half Dorfbewohner*innen, ihre zerbombten  Dörfer wieder aufzubauen. Freiwillige errichteten Schulen und medizinische Zentren. Die medizinische und die spirituelle Gesundheit, Heilung und Heil, gehörten für Thich Nhat Hanh zusammen wie Leib und Seele.

Engagierte Buddhisten wollten die Welt zu ihrem Tempel machen und die Welt verändern. Damit wurde die zunächst kleine Gruppe rasch größer, aber auch zur Zielscheibe politischer Gewalt von rechts und links. In größter Verzweiflung protestierten engagierte Nonnen und Mönche, sich eins fühlend mit dem Schicksal napalmverbrannter Kinder, mit ihrem eigenen Körper gegen den Krieg und die immer repressivere Buddhisten-Verfolgung.

Thich Nhat Hanh begann zu schreiben und sich gegen den Krieg auszusprechen. Das 1964 in einer buddhistischen Wochenzeitung veröffentlichte Gedicht Condemnation brachte ihn in Konflikt mit allen Kriegsparteien:

[…] Wer auch immer zuhört, sei mein Zeuge:
Ich kann diesen Krieg nicht akzeptieren.
Ich könnte es nie, ich werde es nie tun.
Ich muss es tausendmal sagen, bevor ich getötet werde:
Achtung! Dreh dich um und stelle dich deinen wahren Feinden –
Ehrgeiz, Gewalt, Hass und Gier.
[…]

Der Buddhist Thich Nhat Hanh bezog sich in seinem politischen Sein auf eine Ganzheitlichkeit, wie sie in der christlichen Mystik z.B. bei Meister Eckhard und letztlich beim Heiligen Geist selbst zu finden ist. Thich Nhat Hanh bezeichnete seine buddhistische und sehr politische Ontologie als Inter-Sein und erzählte die Blumenparabel: Eine Blume entsteht nicht nur aus einem befruchteten Samen, sondern genauso aus Wasser, Licht und den Mineralien der Erde; ihre Wurzeln leben in Symbiose mit Bakterien und Pilzen. In einer Mediation sendet Thich Nhat Hanh Bestandteile der Blume zurück – Licht zur Sonne, Regen in die Wolken und zeigt damit, wie alles mit allem verwoben und die dualistische Sicht der Welt eine Verkürzung ist.

Im Vietnam-Krieg gerieten die mit Thich Nhat Hanh befreundeten Mönche, Nonnen und Laien zwischen die Fronten. Er selbst wurde nach einer für die westliche Friedensbewegung inspirierende Reise in die USA ins Exil gezwungen. Thich Nhat Hanh traf sich mit Martin Luther Kind und Papst Paul VI, immer auf der Suche nach einer gemeinsamen spirituellen Basis für Heil und Heilung, die über Religions- und Konfessionsgrenzen dasselbe Ziel verfolgt und Liebe sucht. In Frankreich gründete er ein buddhistisches Meditationszentrum, das bis heute wirkmächtige plum village.

Seine Bücher über Achtsamkeit waren keine wohlfällige Absolution für gestresste Manager, sondern ein schonungslos ehrliches Angebot für die Entwicklung eines Weltethos, dem die individuelle Verstrickung in systemisches Leid bewusst ist. In Bitte ruf mich bei meinem wahren Namen schreibt er: 

[...] Ich bin das Kind in Uganda, nur Haut und Knochen,
meine Beine dünn wie Bambusstecken,
und ich bin der Waffenhändler,
der tödliches Kampfgerät nach Uganda verkauft.
Ich bin das zwölfjährige Mädchen, Flüchtling in einem kleinen Boot,
die sich nach der Vergewaltigung durch einen Seeräuber ins Meer stürzt,
und ich bin der Seeräuber,
mein Herz noch nicht zum Sehen und zum Lieben gereift.
[…]

Thích Nhất Hạnh war kein buddhistischer Missionar, sondern ein Entdecker und Suchender, der das Innehalten, still werden und hinschauen lehrte. Das von Thich Nhat Hanh geprägte Wort des Inter-Seins („Inter-being“) bedeutet, dass nichts auf der Welt unabhängig voneinander existiert.

Zum Weiterdenken und -lesen über eine achtsame Lebenshaltung, die verstanden hat, wie gefährdet planetare Gesundheit ist – und was gesund macht:

BR Podcast

David Steindl-Rast, ein Freund Thich Nhat Hanhs

Einatmend weiß ich, dass ich einatme.
Ausatmend weiß ich, dass ich ausatme.


Ich bin angekommen.
Ich bin zu Hause.