Sexualität ist weder Sünde noch Krankheit.

Konversions‘therapie’?

Notwendige Fragen an Politik, Kirche und Gesellschaft.

Bregenz, 17. Juni 2019. In der Woche vor den Feiern zum Christopher Street Day hat sich eine Mehrheit im Nationalrat für einen Antrag zum Verbot sogenannter Konversionstherapien an Jugendlichen ausgesprochen. plan:g – Partnerschaft für globale Gesundheit begrüßt die Entschließung und nimmt sie zum Anlass, weitergehende Fragen an Politik, Kirche und Gesellschaft zu stellen. 

plan:g begrüßt den Entschließungsantrag des Nationalrats zum Verbot sogenannter Konversions-, Reparativ- oder Reorientierungs‘therapien’. Dazu Matthias Wittrock, plan:g-Geschäftsführer: „Weltweit nimmt die Verfolgung nichtheterosexueller Menschen zu. Sie werden als sündig und kriminell verfolgt oder als krank ausgegrenzt. Das ist nicht hinzunehmen.“

Wo Pseudo-Therapien erlaubt sind, kann sich der Eindruck verfestigen, gesunde nichtheterosexuelle Menschen seien Träger einer Art Krankheit. Auf der individuellen Ebene kann der Druck auf Betroffene sehr groß werden. Dies führt bis zur Selbsttötung. Gleichzeitig fördern die Pseudo-Behandlungen Vorurteile im gesellschaftlichen Umfeld. Denn wo eine Minderheit für krank erklärt wird, kann willkürlich jeder Mensch ausgegrenzt werden.

Die Kriminalisierung oder Pathologisierung von nicht-heterosexuellen Menschen macht Hass salonfähig. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der ultrarechte brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, der erklärte, „lieber einen toten als einen schwulen Sohn“ haben zu wollen. plan:g sieht in solchen Äußerungen den bewusst kalkulierten Appell an die niedersten Instinkte der Wählerschaft – denn wer die Mehrheit dazu verführen kann, Minderheiten zu entmenschlichen, hat Macht.

Pfr. Edwin Matt, plan:g-Kuratoriumsvorsitzender, verurteilt die Instrumentalisierung religiöser Werte für homophobe Propaganda. Er weist in diesem Zusammenhang auf die Entscheidung der Church of England für ein Verbot von Pseudo-Therapien und spirituellem Missbrauch (Juli 2017) hin: „In Großbritannien hat die Kirche die Regierung zum Handeln und zur Befassung mit einem gesetzlichen Verbot gedrängt“.

Pfr. Matt verweist auch auf die offizielle Korrektur eines Zitats von Papst Franziskus im Juli 2018. Mit der Korrektur habe der Papst klargestellt, dass Homosexualität keine Krankheit sei: „Sexualität in ihren vielen Formen ist ein Schöpfungsgeschenk und weder sündhaft noch krank“, so Pfr. Matt. Die Entscheidung der anglikanischen Kirche und auch das Zitat des Papstes seien Zeichen für die sehr große Verantwortung der Kirchen in der Sorge um den Menschen. 

Eine Vielzahl evidenzbasierter Studien belegt die Schädlichkeit von Eingriffen, mit denen eine sexuelle Orientierung verändert werden soll. Univ.-Prof. Dr. med Peer Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensi­sche Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg, verwirft die Bezeichnung „Therapie“ insgesamt: Homosexualität ist keine Krankheit; eine dauerhafte Veränderung der sexuellen Orientierung ist nicht möglich.

Deshalb prüft das deutsche Gesundheitsministerium die Möglichkeit, Pseudo-Therapien insgesamt also bei Jugendlichen und auch Erwachsenen verbieten zu lassen. Ein dazu in Auftrag gegebenes Gutachten hat die Notwendigkeit und die rechtliche Möglichkeit eines solchen Verbots in Deutschland bejaht. 

plan:g unterstützt den Entschließungsantrag im österreichischen Nationalrat und die weitergehende deutsche Initiative, macht aber auf die mögliche Berührung der Religionsfreiheit aufmerksam. Weil viele der Pseudo-Therapien in einem religiösen Umfeld entstanden sind und angeboten werden, ist das Gebet oft deren integraler Teil. Matthias Wittrock fragt: „Wenn ‘Therapie gegen Homosexualität’ ordnungswidrig oder strafbar wird, wäre dann auch das ‘Beten gegen Homosexualität’ ordnungswidrig oder strafbar?“

Damit macht plan:g auf die Brisanz des unabdingbar notwendigen Verbots aufmerksam. Unabdingbar ist der Schutz vor schädlichen Fehlbehandlungen und spirituellem Missbrauch, gerade von besonders zu schützenden Minderjährigen. Aber ein Gesetz allein, so notwendig es ist, kann nicht alle Probleme lösen. Dazu Pfr. Edwin Matt: „Theologie und Medizin als Wissenschaften sind gerufen, in Dialog zu treten, um Politik zu beraten und in Kirche und Gesellschaft Aufklärungsarbeit zu leisten.plan:g verweist dabei auf die vom deutschen Bundesgesundheitsminister berufene Expert*innenkommission, die im August 2019 ihren Abschlussbericht vorlegen wird.

Weiterführende Informationen:

Volltext des Briken-Gutachtens (Juni 2019)

Volltext des Burgi-Gutachtens (Juni 2019)  

plan:g Partnerschaft für globale Gesundheit wendet sich gegen die Verfolgung nicht-heterosexueller Menschen in den Partnerländern der Entwicklungszusammenarbeit und damit auch in Österreich.

Weiterführende plan:g-Informationen:

www.plan-g.at/regenbogen
www.plan-g.at/verschaff-mir-recht