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Zum Hochfest Peter und Paul.

Asche bewahren oder Feuer weitergeben?

Martin Penetsdorfer, CC BY-SA 2.0 , via Wikimedia Commons
Martin Penetsdorfer, CC BY-SA 2.0 , via Wikimedia Commons

 „Tradition ist nicht das Hüten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“ – das bekannte Zitat stammt wohl aus einer Rede des französischen Pazifisten Jean Jaurès (*1859 +1914). Wie viele kluge Worte wird es aber auch dem hl. Thomas Morus, Gustav Mahler oder Papst Johannes XXIII. zugeschrieben.

Es geht um den Umgang mit Tradition, damit auch: um den Umgang mit der Schrift und mit dem jesuanischen Auftrag, Menschen zu heilen und Gemeinschaft zu gründen. Es ist klar, dass dieser Auftrag in unterschiedlichen Zeiten je neu gefasst werden muss. Die ärztliche Kunst hat heute andere Möglichkeiten als in der Antike. In Zeiten der beginnenden Digitalisierung hat Kirche andere Kommunikationsmittel zur Verfügung als zu Beginn des Buchdrucks.

Das hat Auswirkungen auf die Liturgie (auch wenn noch längst nicht klar ist, welche). Jedenfalls kann die Deutung des Schriftworts wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen, die zu anderen Zeiten noch unbekannt waren. Diese Offenheit steckt in dem jesuanischen Auftrag, in die Welt zu gehen.

Es ist eine Welt der Unsicherheit und eine Welt des Wandels. Zu allen Zeiten haben Menschen versucht, dem doch notwendigen Wandel auszuweichen. Kirche war über viele Jahrhunderte hinweg eine staatsbildende Institution – und vielerorts ist sie es noch. Der Glaube an den strafenden, richtenden Gott kann von den Mächtigen genutzt werden, um politische Herrschaft zu legitimieren.

Letztlich steht hinter der Perspektive des strafenden Gottes ein kindliches Gottesbild, das Gottes Sein in der Welt auf die Ängste und Hoffnungen des Menschen verkürzt (dazu sehr ausführlich https://www.herder.de/stz/hefte/archiv/145-2020/10-2020/gott-und-das-virus).

Wie sieht es heute mit christlicher Wandlungsbereitschaft und ängstlichem Buchstabenglauben aus? Auch unsere katholische Kirche ist – wie jede Organisation, in der Menschen zusammenkommen und in denen Machtbeziehungen eine Rolle spielen – gefährdet, Feuer und Asche zu „velwechsern“, wie der Dichter Ernst Jandl spottete. Denn so mancher Orientierungsverlust hat seinen triftigen Grund: Wer die Tradition bestimmt, hat (Deutungs-)Macht.

Dies manchmal allerdings nur für sehr kurze Zeit. Am 17. März 2021 starb der katholische Präsident Tansanias, John Pombe Joseph Magufuli, mutmaßlich an den Folgen einer COVID-19-Erkrankung. Magufuli hatte sich zeitlebens radikal bibelbezogen gegen Empfängniskontrolle ausgesprochen (und die diesbezüglich menschenfreundlich-lebensnahe, vorsichtig liberale Haltung Papst Franziskus’ kritisiert).

Magufuli verbot schwangeren Mädchen und ledigen Müttern den Schulbesuch. Das Verbot wurde auch in mit europäischen Spendenmitteln finanzierten Einrichtungen rigoros durchgesetzt. Homosexualität ist in Tansania illegal und wird mit bis zu 30 Jahren Haft bestraft.

Magufuli hatte sich (wie zuvor schon die katholische Bischofskonferenz Madagaskars) gegen COVID-Impfungen ausgesprochen und stattdessen Artemisinintee als Prophylaxe vorgeschlagen. Gegen die Pandemie empfahl der Präsident statt der „gefährlichen Impfungen“ das Gebet. Diese Realitätsverleugnung war nicht nur für den Präsidenten selbst tödlich. Tansania hatte unter der Präsidentschaft Magufulis aufgehört, COVID-Fallzahlen international zu melden.

Wie gehen plan:g-Partnerorganisationen (oder auch Sie persönlich) mit Menschen um, die gezielt gegen COVID-Impfungen argumentieren, Vertrauen zerstören, Risiken falsch darstellen?

Die Einflussbereiche auf die Impfbereitschaft sind gut erforscht: Vertrauen, Risikowahrnehmung, Impfstoffverfügbarkeit und Informationsangebot (vgl. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0208601).

Es lohnt sich, die Techniken des vorgeblichen „Querdenkens“ zu kennen und zu wissen, wie darauf reagiert werden kann.

Technik unzulässiger Komplexitätsreduktion

Impfkritische Argumentationsbeispiele

Mögliche Reaktion

Falsche Schlussfolgerung

Ich kaufe Bio. Natürliche Dinge sind besser als künstliche. Impfen ist unnatürlich. Darum lehne ich Impfungen ab und setze auf natürliche Heilkräfte.

In manchen Lebenslagen werden unnatürliche Dinge sehr notwendig – zum Beispiel der Herzschrittmacher, oder die Behandlung von Bienenvölkern mit chemischen Mitteln gegen Milbenbefall. Dieselben chemischen Mittel, ohne die es in Europa keine Bienen mehr gäbe, können aber auch Schaden anrichten. Natürliche Alternativen zum Impfen, die genauso sicher und wirksam sind, gibt es nicht.

Schüren unmöglicher Erwartungen

Ich lasse mich nur dann impfen, wenn die Impfung 100% sicher ist.

Eine 100%ige Sicherheit gibt es in keiner Lebenslage. Jede medizinische Behandlung hat Wirkungen und Nebenwirkungen (wenn auch oft sehr geringe). Hier gilt die Risikominimierung und Risikoabwägung: Die Gefährdung durch Masern oder COVID ist sehr viel größer als das Impfrisiko.

Verschwörungstheorie

Die Weltgesundheits-
organisation ist mit der Pharmaindustrie im Bunde. Sie drängt die Naturheilkunde ins Abseits, um verkaufbare Produkte zu vermarkten.

Impfforschung ist Grundlagenforschung, die in erster Linie von unabhängigen Instituten und Universitäten durchgeführt wird. Verschwörungstheorien verunglimpfen die Arbeit jener, die sich weltweit für das Menschenrecht auf Gesundheit einsetzen. Weiters vereinfachen sie eine fundierte Kritik an der Pharmawirtschaft.

Rosinen-Pickerei/Selektive Studienauswahl

Eine Studie hat gezeigt, dass eine Impfung Autismus ausgelöst hat.

Eine weitaus größere Studienanzahl zeigt, dass Impfungen keine solche Reaktionen auslösen.

Scharlatanerie

Mir hat meine Heilpraktikerin vom Impfen abgeraten.

Die gute Kenntnis der Heilpraxis bedeutet nicht, dass sich die Person auch in anderen medizinischen Bereichen auskennt. Menschen, die sich beruflich mit Impfungen befassen und diese erforschen, sind sich in der Bewertung des Impfens als sicherste und effektivste Methode, um bestimmte Krankheiten zu überwinden, einig.

 

Eine Reihe weiterer Argumente für Diskussionen mit sog. „Impfkritiker*innen“ hat das deutsche Robert-Koch Institut in Zusammenarbeit mit dem Paul-Ehrlich-Institut in Form eines Posters und als Zusammenstellung guter Argumente veröffentlicht.

Mit Ihrer Spende helfen Sie, Glaube und wissenschaftliche Empfehlungen zu versöhnen. Informierte Debatten machen gesund: nicht nur in Zeiten der Pandemie.



Weil Sie sich für Gesundheit und die Eine Welt interessieren ...

 … haben Sie bis hierher gelesen. Dafür bin ich Ihnen dankbar. Denn die Zusammenhänge zwischen Gesundheit und Krankheit in der Einen Welt sind sehr komplex. In einer sich schnell verändernden Welt ist das Menschenrecht auf Gesundheit immer neuen Bedrohungen  ausgesetzt. Das gilt für die Gesundheit der Ärmsten ebenso wie für uns in Österreich. Darum versteht sich plan:g als Partnerschaft für globale Gesundheit.

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