Gibt es ein Wundermittel gegen Malaria?

Stellungnahme: „Das Fieber“

Schön wär's.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Artemisia_annua.jpeg#/media/Datei:Artemisia_annua.jpeg
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Artemisininhaltige Tees sind zur Malaria-Prophylaxe ungeeignet.

Artemisinin wird aus dem einjährigen Beifuss (Artemisia annua) gewonnen. Artemisinin gehört zu den Malariamitteln. Artemisininhaltige Tees sind zur Prophylaxe, also der Vorbeugung einer Malaria-Erkrankung, nicht geeignet. Das ist die einhellige Meinung aller medizinischen Fachgesellschaften und auch der Weltgesundheitsorganisation.

  • Artemisininpräparate sind Mittel der Heilung, nicht der Vorbeugung. Sie werden zur Behandlung der Malaria dringend gebraucht.
  • Bei der Einnahme von Tees zur Malaria-Vorbeugung ist zu erwarten, dass unter- oder auch überdosierte Konzentrationen die Resistenzbildung fördern.

In Südostasien nimmt die Resistenz gegen Artemisinin-Kombinationspräparate (ACT, also Medizin, die auf unterschiedliche Weise nachweisbar gegen Malaria wirkt) bereits deutlich zu. Präparate mit nur einem einzigen Wirkstoff in nicht-pharmakologischer, wechselnder Dosierung können bei der Resistenzbildung eine wesentliche Rolle spielen, egal bei welchen Vektoren.

Schön wär's: Alternative Fakten

In den letzten Jahren kommt es verstärkt zur Bewerbung von s.g. „alternativen Ansätzen“ in der Malariaprophylaxe und -therapie. Diesen Empfehlungen fehlt die wissenschaftliche Evidenz. Evidenzbasierte Medizin sucht nach verlässlichen Antworten, um Gesundheit zu fördern, Krankheiten zu vermeiden und Menschen gesund zu machen. Evidenzbasierte Medizin stützt sich dabei auf wissenschaftliche Belege, also nicht auf die Meinungen, Vermutungen oder Erfahrungen Einzelner.

Häufig wird der verschwörungstheoretische Vorwurf geäußert, Vertreter*innen evidenzbasierter Medizin seien von der Pharmaindustrie gekauft und nicht unabhängig. Das ist unrichtig: So hat plan:g die no-thank-you-Charter gezeichnet und ist vollkommen pharma-unabhängig.

Tatsächlich stehen hinter der Idealisierung von Artemisinin sehr häufig selbst knallharte wirtschaftliche Interessen: Die Tees werden als Nahrungsergänzungsmittel zur Malaria-Prophylaxe, zur Krebsvorsorge und -behandlung und jüngst auch gegen COVID-19 beworben. Das Narrativ einer nebenwirkungsfreien Naturmedizin – die es nicht gibt – wird in Zeiten großer Unsicherheit und ernsten Bedrohungen der Weltgesundheit zu einer Ersatzreligion, mit der sich gutes Geld verdienen lässt.

Artemisinin wird als „das beste Immunstimulans zur Bekämpfung von Infektionen und korrumpierten Zellen“ vermarktet. Dabei wird seriöse wissenschaftliche Forschung aus dem Zusammenhang gerissen, falsch oder verkürzt wiedergegeben. Daran beteiligen sich auch Forscher*innen, die es besser wissen müssten, aber ein gutes Gespür für Marktchancen und die Verführungsanfälligkeit ihrer Mitmenschen haben.

Denn bei genauerer Betrachtung bauen viele der „alternativen Ansätze“ auf bequemer Ignoranz, sehr großem Leidensdruck oder aber auf einem grundsätzlich rassistischen Menschenbild auf: Sie konterkarieren das Menschenrecht auf bestmögliche Gesundheitsversorgung, übersehen die komplexe Epidemiologie der Malaria, idealisieren einen utopischen Naturzustand und blenden die gesellschaftlichen Bedingungen von Gesundheit und Krankheit aus.

Artemisininpräparate werden auch als Nahrungsergänzungsmittel vermarktet. Das Verkaufsargument: „Krank? Selbst schuld, wer sich nicht gesund ernährt.“ Das ist einerseits ein zynisches Geschäft mit der Angst. Anderseits wird der Glaube an Artemisinin zu einer bequemen, weil leicht verständlichen Lösung für die großen Gesundheitsherausforderungen unserer Zeit.

Leichte Verständlichkeit ist das Wesen vieler Verschwörungstheorien. Sowohl die Medizin wie die Theologie stellt die Sucht nach einfachen Lösungen vor große kommunikative Herausforderungen.

Das Fieber

Deutlich wird das auch am Beispiel von „Das Fieber“, dem Versuch einer dokumentarischen Spurensuche über die Malaria. Die österreichische Filmemacherin Katharina Weingartner vermengt große Fragen und notwendige Hinweise auf große Missstände mit zu kurz gegriffenen Antworten.

Der Film greift wichtige Kernprobleme auf: Täglich sterben über 1.000 Menschen an Malaria, jährlich knapp eine halbe Million. Die Zahl der Malaria-Neuinfektionen wird auf über 200 Millionen pro Jahr geschätzt. Der Film verweist richtigerweise auf das Unrecht in unserem Wirtschaftssystem: Viele essentielle Medikamente sind in vielen Teilen der Welt viel zu teuer, als dass sie heilen könnten.

Wäre es gut, wenn es gegen diese Krankheit eine wirksame Prophylaxe gäbe, die im eigenen Garten wüchse? Die Frage stellt der Film und die Antwort ist klar: Das wäre sehr gut. Allerdings: Eine solche Pflanze gibt es nach momentanem Wissensstand nicht, jedenfalls nicht zuverlässig und schon gar nicht nebenwirkungsfrei.

Massenexperimente mit artemisininhaltigen Tees ignorieren die vorliegende Evidenz bezüglich derjenigen Mechanismen, die zur Resistenzbildung führen: Das ist fahrlässig und gefährdet viele Menschenleben. 

Anrufung des ORF-Publikumsrats

In der Berichterstattung über den Film "Das Fieber" hat der ORF im der Nachrichtensendung "Zeit im Bild" ZIB1 vom 22. September 2020 die genannten Qualitätskriterien verletzt. Darum ist die Regulierungsbehörde mit dem Versäumnis zu befassen – dies auch vor dem Hintergrund der aktuellen COVID-19-Pandemie: Die Einbindung medizinischer Expertise in die Berichterstattung ist im konkreten Fall und dauerhaft besser zu gewährleisten, um die Gesundheitsaufklärung in Österreich (und im deutschsprachigen Ausland) nicht zu torpedieren.

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Evident: Artemisinin ist kein Zwiebelsaft

Eine zuverlässige Prophylaxe sollte auf mehr als einem Wirkstoffprinzip beruhen. Für die behauptete polytherapeutische Eigenschaft des Tees gibt es keine wissenschaftliche Evidenz. Damit würde der massenhafte Einsatz von Artemisinin-Tees zur Prophylaxe nach jetzigem wissenschaftlichen Kenntnisstand zu Resistenzen, also zu großen Problemen bei der Malaria-Behandlung führen. Darum ist ein solcher Einsatz zum jetztigen Zeitpunkt nicht mit den allgemeingültigen ethischen Standards der medizinsichen Praxis und wissenschaftlichen Forschung zu vereinbaren.

Denn Artemisininpräparate sind nicht mit harmlosen Hausmitteln zu vergleichen. Wirkt Zwiebelsaft nicht nur gegen die Erkältung, sondern auch gegen COVID-19? Wer das daheim in Quarantäne ausprobiert, schädigt niemanden. Beim massenhaften Einsatz von Artemisininpräparaten ist das völlig anders.

Auch die vermeintlich antikolonialistische Botschaft des Films ist keine, weil Naturarzneimittel undifferenziert gegen pharmazeutische Dosierungen ausgespielt werden. Damit hat nicht nur der Tee, sondern auch die unkritische Berichterstattung darüber erhebliche unbeabsichtigte Nebenwirkungen: Die differenzierte Berichterstattung und das Verständnis evidenzbasierter Wissenschaft bleiben auf der Strecke. Gerade in Zeiten der Pandemie ist das besorgniserregend. Denn die evidenzbasierte Wissenschaft darf sich nicht auf Erfahrungswerte Einzelner stützen, sondern erfordert eine systematisierte Herangehensweise.

Die WHO erkennt an, dass pflanzliche Arzneimittel eine wichtige Quelle für Antimalariamedikamente sind und waren. Es ist gut möglich, dass die weitere Erforschung von Heilkräutern zur Entdeckung von Komponenten künftiger Malariamittel führen wird. Allerdings muss jede Forschung mit menschlichen Proband*innen die ethischen Grundsätze medizinisch-wissenschaftlicher Forschung respektieren und von Ethikkommissionen gebilligt werden: Sie muss auf einer gründlichen
Kenntnis der wissenschaftlichen Literatur, anderer relevanter Informationsquellen und angemessener Laborexperimente erfolgen.

Mut zur Unsicherheit und Mut zur Differenzierung

Nur durch mehr Forschung können Wirkung, Nebenwirkung und Spätfolgen in unterschiedlichen Zielgruppen – bei Frauen, Männern, Kindern, Menschen anderswo und auch Österreicher*innen – entdeckt werden. Das braucht Zeit. Zudem verbieten sich einige Forschungen aus ethischen Erwägungen. Dazu gehört die Erforschung von Resistenzbildung bei großflächigem Einsatz von Artemisinin-Tee. Denn diese würde nicht nur die Zielgruppe, sondern alle von Malaria bedrohten Menschen gefährden. Das ist unethisch – vergleichbar mit einem Studien-Design, in dem von zwei zufällig zusammengestellten Gruppen schwangerer Frauen den einen Schnapps, den anderen Wasser eingeschenkt würde – um die Auswirkungen von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft zu untersuchen.

Es gibt einige Studien zur Wirkung von Artimisinin, dessen Wirkung bei Malaria unbestritten ist. Weitere Forschung ist nötig – aber das Beispiel zeigt, dass nicht jedes Forschungs-Design sinnvoll oder ethisch möglich ist und dass die Wirkung allein noch nicht dazu führen kann, ohne Rücksicht auf Nebenwirkungen bestimmte Darreichungsformen zu propagieren.

Eine gute Story besteht aus schwarz-weiß-Gegensätzen. Aber die Welt weist sehr viele, differenzierte Grautöne auf: Diese Einsicht ist essentiell, um Gesundheit zu fördern und Malaria zu kontrollieren.

Informationen

Präparate in nicht-pharmakologischer Doesierung gefährden Reisende:

Lagarce L. Lerolle N, Asfa P et al. A non-pharmaceutical form of Artemisia annua is not effective in preventing Plasmodium falciparum malaria. Journal of Travel Med 2016:23
DOI: 10.1093/jtm/taw049 PMID: 27432906

Artemisinin-haltige Tees gefährden die Anstrengungen zur Überwindung der Malaria:
Pays JF. Threats to the Effectiveness of Malaria Treatment. Bull Soc Pathol Exot 2018: 111: 197 - 198
doi:10.3166/bspe-2018-0046

Stellungnahme der WHO:
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat das Phänomen der Tee gründlich analysiert und 2019 ein technisches Dokument dazu herausgegeben:
WHO Reference Number: WHO/CDS/GMP/2019.14
https://www.who.int/publications/i/item/the-use-of-non-pharmaceutical-forms-of-artemisia

Leitlinie der DTG:
Die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit e.V. (DTG) ist die federführende Fachgesellschaft und zuständig für die Entwicklung der deutschen Leitlinie:
Auf Leitlinien.net findet sich die jeweils letzte Fassung der Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Malaria herausgegeben von der DTG.