Soziale Netzwerke sind bequem. Warum wir trotzdem nicht mitmachen.

Projektarbeit, die Systeme verbessert, braucht ein neues Narrativ

plan:g ist eine Fachorganisation im Gesundheitssektor der Entwicklungszusammenarbeit. Als eine solche Fachorganisation arbeiten wir fokussiert und im Rahmen unserer Möglichkeiten an transformativen Projekten. Eine solche Arbeit braucht eine andere Erzählung mit Raum für komplexere Erklärungen. Wir arbeiten wertorientiert als katholische Stiftung. 

Wir sind dankbar, wenn möglichst viele Menschen unsere Arbeit und das Bemühen um ein neues Narrativ begleiten: plan:g braucht Ihre Hilfe.

Abspaltung überwinden

Wer im Gesundheitssektor arbeitet, weiß in aller Regel, dass mit einfachen Rezepten keine nachhaltige Gesundung möglich ist. Die Zahnmedizin kann noch so viele Löcher stopfen. Wirksamer sind Prophylaxe und weniger Eistee. Das gilt auch für Diabetes und viele andere Krankheiten. 

Unser Ausgangsgedanke: „Compliance“, also das Befolgen der Regeln einer Therapie durch den Patienten, kann nicht verordnet werden, sondern muss aus Einsicht und in Freiheit wachsen. Gesundheit in der Einen Welt erfordert Teilhabe an Veränderung, die auch in Österreich stattfinden wird. 

Wir wollen Neugierde für komplexe Gesundheitsprobleme wecken, Teilhabe am eigenen Genesungsprozess interessant machen und Lösungsmöglichkeiten darstellen. Denn gerade beim Thema Gesundheit macht ein genaues Hinschauen die Bezüge zwischen den verschiedenen Systemkrisen besonders deutlich: Die weltweite Armut, die Klimaerwärmung oder der zinslos-schleichende Finanzcrash machen uns weltweit krank.

Narrative mit Nebenwirkungen

Auch die Werbung bedient sich bestimmter Narrative. Die Kampagne Heizkörper für Norwegen weist darauf für den Bereich der Spendenwerbung klar und originell hin. Die Kampagne entlarvt den Zielkonflikt zwischen Spendenwerbung und globalem Lernen. 

Eine typische Erzählung der ‚Entwicklungshilfe‘ ist die Rede von der Hilfe zur Selbsthilfe. Dabei handelt es sich nicht nur um eine Methode, sondern um die Erzählung von Armut, Krankheit, Reichtum und Hilfe. 

In der vereinfachenden Erzählung werden komplexe Zusammenhänge überschaubar – überschaubar aber auch im Sinne eines „Daran-vorbei-Schauens“: Blinde Flecken entstehen, die eine Verfügbarmachung der Welt ermöglichen. Die Option für die Armen wird dadurch verdeckt. Die norwegische Kampagne zeigt die unterschiedlichen Mechanismen dieser Verfügbarmachung auf. Da gibt es den voyeuristischen Blick auf Armut, der die Welt in ein Oben und ein Unten sortiert. Oder um komplexe Abenteuererzählungen im Stil von Karl May: Erzählungen von heroisiert überzeichneten Menschen, die stellvertretend für uns wirksam werden und die sich wie Karl May in der eigenen Geschichte authentisch verlieren. Den Lesenden wird eine vereinfachte Authentizität und damit ein gutes Gefühl geboten. Die Spende wird zu einem Life-Style-Produkt wie Lippenstift, Nachtcreme oder Wellness-Aufenthalt. Ein solcher Tausch lässt keinen Raum für das komplexe Verhandeln von Voraussetzungen eines guten Lebens für Alle. 

Derartige Narrative führen zur Abgrenzung von Armut, Krankheit und Andersartigkeit. Sie verunmöglichen gelungenes Du-Du-Erleben in der Einen Welt. Im Extremfall können Vereinfachungen der Spendenwerbung rassistischen Stereotypen fördern, die das Gegenüber entwürdigen. Rassismus hat viele Ursachen. Eine davon ist Angst. Aufgrund der enormen Veränderungen in der Welt sind Ängste verständlich. Rassismus führt jedoch weder zur Lösung der anstehenden Probleme noch zur Überwindung von Angst: Jenseits der österreichischen Grenze und der Beschränktheit des autoritären Weltbildes lauern Gefahr und Chaos. Rassismus ist ein Leben im ständigen Belagerungszustand, an dessen Ende es zur Abgrenzung vom Fremden nicht durch ein Almosen kommt. Sondern durch Hass. 

Hass beginnt mit ideologisch-nationalistischem Denken. Ein solches Weltbild ist hierarchisch. Es konzentriert sich auf Begriffe wie Heimat, behauptet in angstgetriebener Verkennung historischer Tatsachen deren Unveränderlichkeit und lehnt eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen ab. 

Das Narrativ nationaler Überlegenheit kann nahtlos an das wohltätige Narrativ anschließen, weil auch die klassische Erzählung von Armut, Krankheit, Reichtum und Hilfe Stereotypen zementiert. Es kommt nicht bloß zur möglicherweise spendenförderlichen Abgrenzung von Armut und Krankheit, sondern zur Abspaltung von deren Ursachen. Damit läuft die klassische Erzählung von Armut, Krankheit, Reichtum und Hilfe dem Charisma von plan:g diametral zuwider. 

Die gefährliche Nebenwirkung wohltätiger Narrative liegt im Fördern eines unterschwelligen Rassismus und im Vermeiden von Komplexität. Daran anschließend kann die Kombination von nationalem Denken und Populismus sehr schnell immer gefährlicher werden: Wo sich eine Gesellschaft auf „ein Volk“ reduzieren lässt, wird dieses Volk mit populären Slogans abgespeist. Kostbare und knappe Zeit, um tatsächliche Lösungen für die drängenden (Gesundheits-) Fragen unserer Zeit zu entwickeln, geht verloren. 

Detailliert zur Unvereinbarkeit populistischer Politik und katholischer Soziallehre

Die klassische Erzählung von Armut, Krankheit, Reichtum und Hilfe kann es verunmöglichen, Gefühle von Schuld, Angst (oder aus Ängsten herrührende nationalistischer Überlegenheitsgefühle) konstruktiv zu wandeln. 

Deshalb sucht plan:g den Anschluss an neue Narrative der internationalen Zusammenarbeit. 

Wir gehen mit Bildern und Botschaften sehr bewusst um. Durch neuere Initiativen für eine andere Form gemeinsamer Kommunikation - common cause communication fühlen wir uns bestätigt. Darum sprechen wir in unseren Aussendungen über unsere Arbeit, über unsere Erfolge und über Sackgassen. Wir berichten über die kirchliche Arbeit im Gesundheitssektor und wie sie sich verändert. Im Streben nach dem guten Leben für alle sind wir offen für Partnerschaften mit anderen Organisationen. 

Kooperationsbeispiel mit dem BUND.

„Der Irrtum wiederholt sich immerfort in der Tat, deswegen muss man das Wahre unermüdlich in Worten wiederholen.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

plan:g sucht den Anschluss an neue Narrative der internationalen Zusammenarbeit, weil die überkommene Erzählung von Armut, Krankheit, Reichtum und Hilfe weder unsere Arbeit noch die anstehenden Aufgaben wahrhaftig beschreibt. 

Der Philosoph Jean-François Lyotard nannte die Postmoderne einen Zustand, in dem sich Menschen von allgemein verstandenen Begriffs- und Erklärungszusammenhängen verabschieden. Lyotard sprach von „métarécits“, den „großen Erzählungen“ oder „Narrativen“, die sich in die vielen verschiedenen Sichtweisen einzelner Menschen oder gesellschaftlicher Gruppen auflösen. 

Große, komplexe Zusammenhänge werden als verständliche und eingängige Geschichten erzählt. Derlei Verdichtung kann sinnhaftes Sprechen durch Bildung von Bedeutungsinhalten sowohl ermöglichen wie auch versperren. Bekannte Narrative scheinen selbstverständlich, einleuchtend und richtig zu sein. Aber ist dem so? Hat es das „aufgeklärte christliche Abendland“ oder „den Islam“ je gegeben? Bildende Künste, Literatur und/oder Legitimierungsstrategien politischer Herrschaft können multiperspektivisches Erleben im sprachlichen Handeln zu einem Narrativ verdichten. Auch der umgekehrte Weg ist möglich: Narrative können aufgebrochen und verändert werden. 

Mehr zur Zumutung der multiperspektivischen Postmoderne aus katholischer Perspektive.

Ein neues Narrativ

Seit 1958 entwickeln wir internationale Zusammenarbeit. Wir tun das mit Irrungen, Wirrungen und Erfolgen. Wir sind darauf bedacht, unbeabsichtigte negative Wirkungen zu vermeiden. In der Mitte unseres früheren sperrigen Namens stand„Hilfe“. Diese Hilfe haben wir solidarisch und partnerschaftlich definiert. In unseren Programmen und Projekten wandeln wir Wohltätigkeit in Gemeinsinn auf Augenhöhe und zielen damit auf eine nachhaltige Verbesserung des internationalen Gesundheitssystems. Darum haben wir uns 2018 einen neuen Namen gegeben, der die Partnerschaft für globale Gesundheit betont. Wir sind plan:g. 

Im internationalen Gesundheitssystem stehen Menschen auf der Gewinner- und auf der Verliererseite. Es ist ein System, das Menschen in Österreich und in den Partnerländern der Einen Welt auf vielfache Weise miteinander verbindet. Darüber gilt es zu sprechen. Denn das internationale Gesundheitssystem ist aufgrund der Vielzahl der Beteiligten schwer überschaubar: Kranke und Gesunde, Beschäftigte und Führungskräfte in der Industrie, der Forschung, bei Versicherungen sowie Angehörige von Heilberufen in Ordinationen, Krankenhäusern oder Apotheken stehen in Beziehungen. Diese Beziehungen sind komplex und in den meisten Fällen sozial und ökonomisch ungleich. 

Beziehungen können gerecht gestaltet werden. Dennoch werden Machtungleichheiten oft als unveränderlich angesehen. Nichts könnte falscher sein: Die „Option für die Armen und Anderen“ bedeutet, der Armutsperspektive als einem kritischen Korrektiv Platz im Sprechen und Handeln zu geben.

Umgang mit unsozialen Medien

Soziale Netzwerke sind bequem. Ohne Aufwand bleiben wir mit Menschen in Kontakt, zu denen die Beziehung ohne den Computer wohl immer lockerer werden würde. 

Außerdem scheinen soziale Netzwerke im Internet ein wichtiges Instrument der sozialen Mobilisierung zu sein. Aus drei Gründen verzichtet plan:g dennoch auf z.B. einen Facebook-Account. 

  1. Social Networking kann ungesund sein. Jedenfalls dann, wenn wir die Definition der Weltgesundheitsorganisation zugrund legen: umfassendes Wohlbefinden. Denn wenn wir stets nur kurze Sequenzen vom Alltag der anderen sehen, kommt das tatsächliche Leben in seiner komplexen Vielschichtigkeit zu kurz. Jeder fotografierte Moment ist ein nicht erlebter Moment: Das „totale Selfie“ kann erdrücken. Dass internetbasierte Netzwerke aufgrund solcher Mechanismen Neid erzeugen und unglücklich machen können, ist seit Langem durch verschiedene Studien gut belegt (z.B. „Passive Facebook usage undermines affective well-being: Experimental and longitudinal evidence“; neuere Studien zeigen ein ähnliches Bild Real-life closeness of social media contacts and depressive symptoms among university students).
  2. Die Algorithmen sozialer Netzwerke sind intransparent. Inhalte werden zensiert und Nachrichteninformationen nicht aufgrund einer redaktionell offengelegten Richtlinie, sondern mittels „Community Standards“ im Verborgenen vorausgewählt. Nutzer von sozialen Netzwerken tauschen Daten gegen scheinobjektive Nachrichten, die von Informationsmonopolisten bereitgestellt werden. Dabei möchten wir nicht mitmachen.
  3. So wie wir die Bilder und Nachrichten der anderen verwerten, so verwertet Facebook uns bzw. unsere Daten. Die Verwertung bedeutet letztlich immer Konsum. Es geht in sozialen Netzwerken immer um die Emotionalisierung und inhaltliche Verkürzung. Damit konterkarieren die sozialen Medien den Kern unserer Arbeit: Partizipation als echte Teilhabe an Veränderung aufgrund umfassender Information.